Eigen/Sinn – Werke aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, ausgestellt im Bundesrat Berlin

Ludwig Rauch

Berlin, Schönhauser Allee, 1986. Ludwig Rauch begegnet Rentnerinnen und Rentnern, die er direkt auf der Straße fotografiert. In den Bildern der Serie „Nach der Arbeit“ (1986) sind der Respekt und die Sympathie des Fotografen für die „alten“ Männer und Frauen spürbar, die er in zentrierten Kompositionen vor verfallenen Häuserwänden festhält. Nur durch die Angaben des Künstlers wird auf den konkreten Ort verwiesen. Wesentlich aber ist, dass die abgebildeten Personen in einem öffentlichen Raum verortet und repräsentiert werden. Somit garantiert die Fotografie auf symbolischer Ebene für die nachhaltige Sichtbarkeit von Individuen, die aus dem ökonomischen Funktionszusammenhang der Berufstätigkeit verabschiedet wurden. In einer Gesellschaft, die Identitäten und soziale Wertigkeit zunehmend über Arbeit und Ökonomie herstellt, vielfach im Rentenalter einen Rückzug ins Private bedeutet, setzten Ludwig Rauchs Bilder von Menschen, die keinem Broterwerb mehr nachgehen, ein Zeichen der anhaltenden, sozialen Relevanz entgegen.

Die Konzentration der Fotografien liegt ganz auf der Person. Was offenbart sie von ihrem vergangenen Arbeitsleben? Manche Porträtierten spiegeln das Aussehen und die Haltung des entsprechenden Berufs derartig wider, dass eine andere Vermutung kaum denkbar ist. Bei anderen ist es nicht so augenscheinlich.

Diese frühe Serie im Werk von Ludwig Rauch ist über ihr Sujet hinweg interessant, da sie wesentliche Fixpunkte der Arbeit des Fotografen verdeutlicht: Es ist das Interesse am Menschen und die Frage, ob und wie sich deren eigene Geschichte und Emotionen an der Oberfläche ablesen lassen.

Bildauswahl

Ludwig Rauch, 1960 in Leipzig geboren, lebt in Berlin und Goldbeck/Brandenburg

1981 – 1985  Studium Bildjournalismus, Karl-Marx-Universität Leipzig

1986 Publikationsverbot für alle journalistischen Medien der DDR

1986 – 1989  Studium der Fotografie bei Arno Fischer, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

seit 1989 freier Fotograf und Künstler

1991 Gründung der Kunstzeitschrift »neue bildende kunst« mit Matthias Flügge und Michael Freitag

1992 – 2004 Gemeinsame Arbeit mit Ulrich Kubiak als Künstlerduo Kubiak & Rauch [K&R]

seit 2009 Dozent an der Ostkreuzschule für Fotografie, Berlin