Seit 1994 werden jeweils am letzten Plenartag des Jahres Delegationen des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, der Sinti Allianz und des Bundesrates der Jenischen zu einer Gedenkveranstaltung in den Bundesrat eingeladen. Anlass für das Gedenken ist der 16. Dezember 1942, der Tag, an dem der „Reichsführer der SS“ den sogenannten Auschwitz-Erlass unterzeichnet hatte. Bundesratspräsident Dr. Dietmar Woidke hielt seine Rede am 20. Dezember 2019 während der 984. Plenarsitzung. Es gilt das gesprochene Wort.

Bundesratspräsident Dr. Dietmar Woidke bei seiner Rede zur Gedenkveranstaltung für Sinti und Roma (Foto: Screenshot YouTube Bundesrat Deutschland)

Bundesratspräsident Woidke bei seiner Rede zur Gedenkveranstaltung für Sinti und Roma (Foto: Screenshot YouTube Bundesrat Deutschland)

Liebe Kollegen und liebe Kolleginnen,
sehr verehrte Gäste!

Ich begrüße Sie herzlich zur letzten Bundesratssitzung in diesem Jahr. Hinter uns liegen bewegte Monate. 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall – es gab eine Reihe von Anlässen, um Freiheit und Demokratie zu feiern.

Es gab aber auch erschütternde Momente, wie den Anschlag in Halle, in denen deutlich wurde: Wir müssen diese Errungenschaften jeden Tag verteidigen und immer wieder mit Leben füllen.

Die Freiheit, in der wir heute leben, der Frieden in Europa, unser demokratisches Miteinander – das alles sind keine Selbstverständlichkeiten oder Privilegien unserer Zeit.

Sie wurden vor mehr als sieben Jahrzehnten erkämpft. Nachdem Deutschland unfassbares Leid über Millionen von Menschen in Europa und der Welt gebracht hatte. Es ist unsere Menschheitspflicht diese Werte für alle Zeit zu bewahren. Dieses Bewusstsein müssen wir weitergeben. Von Generation zu Generation.

Meine Damen und Herren,

wir gedenken heute der Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes an Sinti und Roma sowie der Gruppe der Jenischen und Fahrender. Dazu begrüße ich herzlich: den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Herrn Romani Rose, den Vorsitzenden der Sinti Allianz, Herrn Oskar Weiss, sowie den Vorsitzenden des Bundesrates der Jenischen, Herrn Stefan Hohnstein.

Genauso herzlich begrüße ich alle weiteren Gäste. Unter Ihnen sind Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Bereits gestern hatte ich die große Ehre, bei der zentralen Gedenkveranstaltung in Sachsenhausen gemeinsam mit ihnen der Opfern zu gedenken.

Diese Begegnung hat mich tief berührt. Denn einmal mehr konnte ich spüren, wie schmerzhaft und anstrengend es für Sie sein muss, sich dieser grausamen Vergangenheit so intensiv und öffentlich zu stellen. Aber Sie tun es. Unermüdlich. Immer wieder. Mit all Ihrer Kraft. Damit wir alle verstehen, damit wir nie vergessen, damit wir gemeinsam eine bessere Zukunft haben. Dafür gebührt Ihnen unser aller Dank. Ihre versöhnliche Haltung, Ihre menschliche Größe, Ihr Mut – beeindrucken mich zutiefst. Vielen Dank, dass Sie heute hier sind.

Meine Damen und Herren!

am 16. Dezember 1942 veranlasste der Reichsführer der SS Heinrich Himmler die Deportation aller Sinti und Roma aus Deutschland und Österreich in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Der sogenannte „Auschwitz-Erlass“ war Teil des Holocaust. Es war ein Befehl zum tausendfachen Mord, zum Völkermord an Sinti und Roma. Hundertausende Menschen waren zu diesem Zeitpunkt bereits verfolgt, gequält und ermordet worden. Doch der menschenverachtende Wahnsinn der National-sozialisten ließ keinen Platz für ein Überleben.

Sinti, Roma, Jenische und Fahrende – kategorisiert als „Zigeuner“, stigmatisiert als „arbeitsscheu“, rassistisch diffamiert und entwürdigt als minderwertig – sollten vollständig vernichtet werden. Infolge des Erlasses wurden 22.000 Sinti und Roma aus 11 Ländern Europas in das sogenannte „Zigeunerlager“ nach Auschwitz verschleppt. Unzählige Menschen starben an Entkräftung, Hunger und Krankheit. Die meisten wurden vergast, durch schwerste Arbeit zu Tode gequält, erlitten unerträgliche Qualen durch Zwangssterilisationen oder Missbrauch bei Menschenversuchen.

Den Versuch der SS am 16. Mai 1944 die noch lebenden Häftlinge zu ermorden, konnten Sinti und Roma abwehren. „Bewaffnet“ mit Steinen, Werkzeugen und Brotlaiben leisteten sie erbitterten Widerstand.

Anfang August 1944 wurde das so genannte „Zigeunerlager” aufgelöst. Laut Lagerbuchführung waren zu diesem Zeitpunkt noch etwa 4.000 Menschen am Leben. Die Arbeitsfähigen wurden in andere Lager verlegt. 2.897 Menschen, vor allem Alte, Frauen und Kinder blieben zurück. Sie wurden vergast.

Die jüdische Ärztin Lucie Adelsberger schrieb in ihrem Tatsachenbericht: „Am nächsten Morgen … war das Zigeunerlager leer. Da kamen plötzlich zwei Kinder von drei und fünf Jahren aus ihrem Block, die, in ihre Decken eingemummelt, alles überschlafen hatten. Die beiden Kleinen hielten einander an der Hand, weinend ob ihrer Verlassenheit. Sie wurden nachgeliefert.“

Unbeschreiblich sind die Demütigungen, das Leid und der grausame Tod den Sinti und Roma, Jenische und Fahrende erleiden mussten. Unfassbar ist dieses Verbrechen. Ein Zivilisationsbruch, der uns heute mit tiefer Scham erfüllt. Und der uns für alle Zeit mahnt: Seid wachsam! Seid entschlossen! Gebt menschenverachtendem Gedankengut, Hass und Gewalt keinen Platz!

Denn es war nicht allein der Auschwitz-Erlass, der dieses Verbrechen möglich machte. Es war auch nicht der Wahnsinn eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe von Menschenfeinden. Der Genozid an Sinti und Roma, wie auch der Genozid an Menschen jüdischen Glaubens hatte lange Zeit vorher begonnen.

Er begann unmittelbar mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Fußte auf den diskriminierenden und menschenverachtenden Nürnberger Rassegesetzen. Und wurde von Anfang an getragen von einer deutschen Mehrheitsgesellschaft, in der Rassismus und Vorurteile seit Jahrhunderten tief verwurzelt waren. Eine Gesellschaft, in der Menschen wegschauten, mitmachten, mit hassten. Bis zum Kriegsende wurden schätzungsweise 500.000 Sinti und Roma ermordet.

Keine Familie blieb verschont. Die Wenigen, die die Konzentrationslager überstanden, waren krank, traumatisiert, verletzt. Sie hatten alles verloren und standen vor dem Nichts. Ihr Leiden hatte mit dem Ende des Krieges kein Ende. Während selbst viele Nationalsozialisten schnell ein neues Leben beginnen konnten, wurde Ihnen ein Neuanfang lange verwehrt. Die Diskriminierung setzte sich an vielen Stellen fort. Über Jahrzehnte wurden die Verbrechen an den Sinti und Roma abgestritten, verdrängt oder verharmlost.

Ein Skandal! Und ein Beleg dafür, dass Freiheit und Demokratie nur dann wirklich einen Wert haben, wenn diese Grundsätze im täglichen Leben angewendet werden und für alle Menschen gelten. Sie entfalten nur dann Ihre Wirksamkeit, wenn wir Vorurteile, Diskriminierungen und Rassismus überwinden und verbannen für alle Zeit!

Erst in den 80er Jahren setzte dieses gesellschaftliche Umdenken endlich ein. In der DDR wurden Sinti und Roma in das Gedenken integriert. In der Bundesrepublik wurden Sie als Opfer der NS-Verfolgung entschädigt. Dort begannen Demokratie und Grundgesetz nun endlich auch für Sinti und Roma im vollen Umfang zu wirken.

Maßgeblich unterstützt und erkämpft wurde dieser Wandel durch das große Engagement der Überlebenden und ihrer Nachkommen selbst. Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma hat unsere Demokratie gestärkt und unserer Gesellschaft gutgetan! Dafür möchte ich mich heute bei allen Vertretern ausdrücklich bedanken.

Was geschehen ist, von 1933 bis 1945 – aber eben auch davor und danach – ist nicht wiedergutzumachen. Aber für das, was in unserer Zeit geschieht, sind wir alle verantwortlich, jeder Einzelne. Inzwischen haben wir gemeinsam wichtige Schritte zum Schutz von Minderheiten hinsichtlich ihrer Kultur und ihrer Sprache unternommen – auf nationaler und auf europäischer Ebene. Die rund 70.000 Sinti und Roma deutscher Staatsangehörigkeit sind seit 1995 anerkannt als nationale Minderheit.

Es muss heute selbstverständlich sein, dass die Mehrheitsgesellschaft den Minderheiten Angebote macht, damit sie gleichberechtigt zum gesellschaftlichen und politischen Leben dazuzugehören können, ohne die Aufgabe eigener kultureller Identität.

Viel hat sich in den letzten Jahren bewegt. Blicken wir auf das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Denken wir an die Paraden zum jährlichen Roma-Day. Denken wir zum Beispiel auch an das Filmfestival „Ake Dikhea“ hier in Berlin vor wenigen Tagen. Der Völkermord an Sinti und Roma, auch das Leid der Jenischen, haben einen festen Platz in unserer Erinnerungskultur. Und die Mitglieder der Minderheit können ihre eigene Kultur und ihre Tradition freier leben als noch vor einigen Jahren. Das macht Hoffnung! Das stärkt unsere Vielfalt und unser Miteinander.

Aus meinen Gesprächen weiß ich, dass Sinti, Roma und Jenischen die Erinnerung an das Leid wichtig ist. Noch wichtiger aber ist Ihnen das „Hier und Jetzt“. Sie wollen nicht länger die ewigen Opfer sein. Sie wollen leben. Frei, gleichberechtig und nach ihrer Kultur. Sie wollen – wie es Ray Smith beschreibt „Menschen unter Menschen sein“.

Und meine Damen und Herren, ich möchte das auch. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, auch in diesem Haus, diesen Grundsatz zu verwirklichen. Er ist im Grundgesetzt als Artikel 1 verankert. Dafür bleibt noch viel zu tun. Denn zur Wahrheit gehört: Noch immer werden Sinti und Roma überall in Europa stigmatisiert, diskriminiert, beleidigt und ausgegrenzt. Auch hier in Deutschland! Und es ist unerträglich, dass diese menschenverachtenden Ressentiments, seit einiger Zeit auch wieder politisch und in Parlamenten angeheizt werden.

Wenn sich Erhebungen zufolge ein Großteil der Befragten dafür ausspricht, dass Sinti und Roma aus Innenstädten verdrängt werden sollen, dann ist das mehr als ein Alarmzeichen. Dann zeigt das: Antiziganismus ist in Deutschland noch immer verbreitet. Er reicht durch alle gesellschaftlichen Schichten und lässt sich vereinzelt – auch das zeigt das Jahr 2019 – selbst in staatlichen Behörden und privaten Medien finden.

Dem müssen wir entgegentreten! Mit all unserer Kraft. Jeder von uns ist gefragt. Es ist Teil unserer historischen Verantwortung, nicht die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Und sofort zu handeln, wenn Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden. Wir müssen den Alltagsrassismus auf der Straße, im Internet, überall bekämpfen. Wir müssen die Identität der autochthonen Minderheiten und Volksgruppen im Grundgesetz und im täglichen Leben schützen. Und wir müssen gemeinsam mit verstärkter Bildungs- und Begegnungsarbeit das Wissen über Sinti, Roma und Jenische erweitern, Vorurteile abbauen und noch viel mehr Interesse an ihrem Leben und ihrer Kultur wecken.

Das ist unsere Verantwortung! Das ist unsere Lehre aus Auschwitz.

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

bitte erheben Sie sich nun von Ihren Plätzen, um der Opfer nationalsozialistischer Gewalt unter den Sinti und Roma, den Angehörigen der Gruppe der Jenischen und Fahrender zu gedenken.

https://www.youtube.com/watch?v=2_X7JGMUVQs